Naturland-Siegel: Anforderungen, Sozialrichtlinien und Kritik
Naturland im Detail: Gesamtbetriebsumstellung, 112 kg Stickstoff je Hektar, eigener Richtlinienteil zu Menschenrechten, Wald und Fisch. Mit Vergleich zu Bioland.
Das Naturland-Siegel steht für die Richtlinien des zweitgrößten deutschen Öko-Anbauverbands und ist der einzige der großen Verbände mit einem eigenen Richtlinienteil zu Menschenrechten und Arbeitsbedingungen. Naturland wurde 1982 gegründet, sitzt in Gräfelfing bei München und zählte am 1.1.2022 in Deutschland 4.477 Erzeugerbetriebe auf 286.405 Hektar Landwirtschaft und rund 53.000 Hektar Wald.
Was Naturland verlangt
Die Angaben stammen aus den Naturland Richtlinien Erzeugung in der Fassung 05/2026 und aus dem Verbands-Steckbrief auf oekolandbau.de.
Gesamtbetriebsumstellung und Bewirtschaftereinheit
Mit dem Erzeugervertrag verpflichtet sich der Betrieb, "sämtliche Betriebsteile, die von ihm verantwortlich bewirtschaftet oder genutzt werden, in die Umstellung einzubeziehen". Dazu kommt das Prinzip der Bewirtschaftereinheit: Ein und derselbe Betriebsleiter darf nicht gleichzeitig einen konventionellen und einen ökologischen Betrieb führen. Damit ist der Ausweg über eine formal getrennte zweite Firma verschlossen, den die EU-Öko-Verordnung mit ihrer erlaubten Teilumstellung offen lässt.
Düngung
Naturland begrenzt die Gesamtstickstoffmenge auf maximal 112 Kilogramm je Hektar und Jahr. Chemisch-synthetische Stickstoffdünger sowie Chilesalpeter und Harnstoff sind ausgeschlossen. Im Freiland-Gemüsebau liegt die Obergrenze bei 110 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr im Durchschnitt der gemüsebaulich genutzten Flächen; in Gewächshäusern ist nach Absprache mit Naturland mehr möglich. Alle drei Jahre sind Bodenuntersuchungen auf Nährstoffgehalte Pflicht.
Futter
Flächenlose Tierhaltung ist nicht zulässig. Mindestens 50 Prozent des Futters müssen vom eigenen Betrieb oder aus einer von Naturland genehmigten Betriebskooperation stammen. Ausgenommen sind nur Betriebe mit Schwein- und Geflügelbeständen bis insgesamt 20 Dungeinheiten. Zugekaufte Futtermittel müssen Naturland-zertifiziert sein oder den Naturland-Qualitätsvorgaben entsprechen; bei ausreichender Verfügbarkeit haben heimische Futtermittel Vorrang.
Tierhaltung
Ställe mit vollständig perforierter Bodenfläche, Vollspaltenböden, Käfighaltung und Flatdecks sind wegen mangelnder Tiergerechtheit nicht zugelassen. Mindestens 50 Prozent der Stallfläche müssen aus festem Material bestehen. In der Geflügelhaltung sind die Käfighaltung und das Töten männlicher Küken aus Legelinien untersagt, zu jeder Henne muss ein Hahnenküken ökologisch aufgezogen werden. Absetzferkel dürfen nicht auf Flatdecks oder in Ferkelkäfigen gehalten werden, Schweinen müssen Bewegungsflächen zum Wühlen zur Verfügung stehen. Beim Auslauf gilt die Vorgabe, dass ein Nährstoffeintrag von 170 Kilogramm Stickstoff je Hektar Auslauffläche und Jahr nicht überschritten wird.
Die Sozialrichtlinien: der eigentliche Unterschied
Naturland führt in Teil A der Erzeugungsrichtlinien einen eigenen Abschnitt "Soziale Verantwortung" mit sieben Kapiteln: Menschenrechte, freie Arbeitswahl, Versammlungsfreiheit und Zugang zu Gewerkschaften, Gleichstellung, Kinderrechte, Gesundheit und Sicherheit sowie Arbeitsverhältnisse. Bezugspunkte sind die UN-Menschenrechtskonventionen und die Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation, darunter ILO C138 zum Mindestalter für die Zulassung zur Beschäftigung und ILO C182 zum Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.
Diese Kapitel gibt es bei Bioland und Demeter in dieser Form nicht. Ihre praktische Wirkung ist im Ausland deutlich größer als in Deutschland, wo vieles davon ohnehin geltendes Arbeitsrecht ist. Genau darin liegt aber der Sinn: Naturland zertifiziert weltweit, und die Richtlinien gelten überall gleich. Mit dem Zusatzzeichen "Naturland Fair" kommt seit 2010 ein Fairhandels-Kriterienkatalog hinzu, der ökologische Wirtschaftsweise und fairen Handel in einem Zeichen verbindet.
Bereiche, die nur Naturland regelt
Naturland hat den breitesten Geltungsbereich unter den deutschen Verbänden. Neben Pflanzenbau und Tierhaltung gibt es Richtlinien für die ökologische Waldnutzung, für nachhaltigen Fischfang in öffentlichen Gewässern, für Aquakultur sowie für Textilien und Kosmetik. Waldwirtschaft regelt sonst nur der Biokreis, den Fischfang aus Wildbeständen regelt allein Naturland.
Naturland oder Bioland
Diese beiden Verbände werden am häufigsten verwechselt, weil sie bei den Kernzahlen fast identisch sind. Der Unterschied liegt in der Breite, nicht in der Strenge:
| Kriterium | Naturland | Bioland |
|---|---|---|
| gegründet | 1982 | 1971 |
| Betriebe in Deutschland (1.1.2022) | 4.477 | 7.784 |
| Fläche | 286.405 ha plus rund 53.000 ha Wald | 488.912 ha |
| Stickstoff je Hektar und Jahr | 112 kg | 112 kg |
| Umstellung | Gesamtbetrieb, dazu Prinzip der Bewirtschaftereinheit | Gesamtbetrieb |
| Futter vom eigenen Betrieb | mind. 50 Prozent | mind. 50 Prozent bei Schweinen |
| Sozialrichtlinien | ja, eigener Richtlinienteil nach UN- und ILO-Standards | nein |
| Wald, Fisch, Textil, Kosmetik | ja | nein |
| Verfügbarkeit im deutschen Handel | gut, aber seltener als Bioland | am besten von allen Verbänden |
Praktische Entscheidungshilfe: Bei deutscher Ware nehmen sich beide wenig. Bei importierten Erzeugnissen wie Kaffee, Tee, Bananen oder Reis ist Naturland die aussagekräftigere Wahl, weil dort die Sozialrichtlinien tatsächlich greifen.
Bioland, Naturland und Demeter nebeneinander
Wer die drei großen Verbände in einer Zeile sucht: Alle drei verlangen die Umstellung des gesamten Betriebs und begrenzen die Düngung auf 112 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr. Demeter geht beim Futter vom eigenen Hof am weitesten (mindestens 70 Prozent) und verbietet als einziger das Halten enthornter Tiere. Bioland hat die feinste Tierbesatztabelle und die größte Verbreitung. Naturland hat den breitesten Geltungsbereich und die Sozialrichtlinien.
Kritik am Naturland-Siegel
Vier Punkte, die zur ehrlichen Einordnung gehören:
- Der Futteranteil vom eigenen Hof ist der niedrigste der drei großen Verbände. 50 Prozent gegenüber 70 Prozent bei Demeter. Wer den geschlossenen Betriebskreislauf als Maßstab nimmt, liegt bei Demeter näher am Ideal.
- Die Sozialrichtlinien wirken im Inland kaum. Menschenrechte, Versammlungsfreiheit und Verbot von Kinderarbeit sind in Deutschland geltendes Recht. Der Zusatznutzen entsteht bei Importware, nicht beim heimischen Apfel.
- Enthornen bleibt möglich. Naturland folgt hier den EU-Regeln, die den Eingriff im Einzelfall mit behördlicher Genehmigung zulassen. Wer das ausschließen will, muss zu Demeter greifen.
- Auch Naturland ist kein Regionalsiegel. Der Verband zertifiziert weltweit, das ist seine Stärke und zugleich der Grund, warum das Zeichen nichts über die Transportentfernung aussagt.
Woran Sie Naturland-Ware erkennen
Auf der Packung steht das grüne Naturland-Rechteck mit dem Schriftzug, bei fair gehandelter Ware ergänzt um den Zusatz "Fair". Daneben steht wie bei jeder vorverpackten Bio-Ware das EU-Bio-Logo mit der Codenummer der Kontrollstelle. Die Verbandszeichen ersetzen die gesetzliche Kennzeichnung nicht.
Alle sieben Siegel nebeneinander stehen im Bio-Siegel-Vergleich, der gesetzliche Mindeststandard auf der Seite zum EU-Bio-Siegel. Weitere Ratgeber im Bereich Bio-Lebensmittel.
Naturland außerhalb der Landwirtschaft
Weil Naturland auch Textilien und Kosmetik regelt, taucht das Zeichen an Stellen auf, an denen andere Verbände fehlen. Was Textilsiegel im Einzelnen leisten, steht im Ratgeber zu Bio-Textilien; für Bettwäsche aus zertifizierter Baumwolle siehe Bio-Bettwäsche kaufen. Welche Umweltwirkung hinter der Faserwahl steckt, ordnet der Beitrag zum Einfluss von Bio-Textilien auf Mode und Umwelt ein.
Quellen
- Naturland Richtlinien Erzeugung, Fassung 05/2026: Teil A I (Erzeugervertrag, Gesamtbetriebsumstellung, Bewirtschaftereinheit, Kontrolle und Zertifizierung), Teil A III (Soziale Verantwortung, Kapitel 1 bis 7), Teil B I (Humuswirtschaft und Düngung), Teil B II (Fütterung, Haltungsanforderungen, Geflügelhaltung), Teil B III (Gemüsebau)
- oekolandbau.de, Steckbrief Naturland (Gründungsjahr, Sitz, Betriebs- und Flächenzahlen Stand 1.1.2022, Stickstoff, Bruderhahn, Naturland Fair)
- naturland-zeichen.de zu den geregelten Bereichen und zum Tierwohl
Stand: 09/2026.
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Häufige Fragen
Was bedeutet das Naturland-Siegel?
Es kennzeichnet Ware von Betrieben, die die Richtlinien des Anbauverbands Naturland einhalten. Diese verlangen die Umstellung des gesamten Betriebs, begrenzen die Düngung auf 112 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr und enthalten als einzige der großen deutschen Verbandsrichtlinien einen eigenen Teil zu Menschenrechten und Arbeitsbedingungen.
Was ist der Unterschied zwischen Naturland und Bioland?
Bei Düngung und Umstellung sind beide gleich streng: 112 Kilogramm Stickstoff je Hektar und Jahr, keine Teilumstellung. Naturland hat zusätzlich Sozialrichtlinien nach UN- und ILO-Standards und regelt auch Waldnutzung, Fischfang, Aquakultur, Textilien und Kosmetik. Bioland ist mit 7.784 gegenüber 4.477 Betrieben größer und im deutschen Handel häufiger zu finden.
Gibt es Kritik am Naturland-Siegel?
Ja, drei Punkte werden regelmäßig genannt. Der vorgeschriebene Futteranteil vom eigenen Betrieb liegt mit 50 Prozent unter den 70 Prozent von Demeter. Die Sozialrichtlinien entfalten in Deutschland wenig Zusatzwirkung, weil sie hier weitgehend geltendes Arbeitsrecht abbilden. Und das Enthornen von Rindern bleibt im Rahmen der EU-Regeln möglich, anders als bei Demeter.
Was sind die Naturland Sozialrichtlinien?
Ein eigener Teil der Erzeugungsrichtlinien mit sieben Kapiteln: Menschenrechte, freie Arbeitswahl, Versammlungsfreiheit und Zugang zu Gewerkschaften, Gleichstellung, Kinderrechte, Gesundheit und Sicherheit sowie Arbeitsverhältnisse. Bezugspunkte sind die UN-Menschenrechtskonventionen und die ILO-Übereinkommen C138 zum Mindestalter und C182 zum Verbot der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.
Wie oft wird ein Naturland-Betrieb kontrolliert?
Mindestens einmal jährlich, bei angemeldeten und unangemeldeten Betriebsbesuchen durch Beauftragte von Naturland. Dazu kommen regelmäßige Kontrollen mit Schwerpunkt Tierwohl. Über die Einhaltung entscheidet jährlich die Naturland Anerkennungskommission mit dem Zertifizierungsentscheid. Die gesetzliche EU-Kontrolle läuft davon unabhängig.
Was ist Naturland Fair?
Ein Zusatzzeichen, das es seit 2010 gibt und das ökologische Wirtschaftsweise mit Kriterien des fairen Handels in einem Zeichen verbindet. Es steht neben dem normalen Naturland-Logo auf der Verpackung und ist vor allem bei importierten Erzeugnissen wie Kaffee, Tee oder Bananen relevant.
Naturland oder Demeter, was ist strenger?
Das hängt vom Kriterium ab. Bei Düngung und Gesamtbetriebsumstellung sind beide gleich. Demeter verlangt mehr Futter vom eigenen Hof (70 statt 50 Prozent), schreibt die biodynamischen Präparate zwingend vor und verbietet das Halten enthornter Tiere. Naturland deckt dafür Sozialstandards, Wald, Fisch, Textil und Kosmetik ab, die Demeter nicht regelt.